Das Wasser des Denser See

Aus: "Unsere Heimat einst und jetzt (752)

„Anno 1769, den 13. Januar wurde hiesiger See wieder rot. Diese Röte aber dringet auf der Seite nach Nentershausen und nach Bernd Wetteraus Haus unter den Steinen herfür und überzieht manchmal „das ganze See". Es ist aber kein Blut, wie die gemeinen Leute dafür halten, sondern eine Karmosinrote Farbe und dieser mein darunter stehende Name und Charakter ist damit geschrieben. Matthäus Simon, Pfarrer zu Dens a.d. 1769" Pfarrer Simon hat sich damals den Vorgang wohl nicht erklären können, denn er vermerkte in seinen Aufzeichnungen einige Zeit später, als das Wasser des Denser Sees wieder die rote Farbe annahm und diesen Tatbestand erneut durch seine Unterschrift mit rotem Seewasser beurkundete, dass die Rotfärbung „bei offenem und regenhaftem Wetter mehrenteils geschehen ist. Bernd Wetterau allhier meint, es habe die Teuerung 1771/72 prognosticiret".

 Auch soll Lehrer Wicke im Jahre 1861 mit dem roten Seewasser seinen Namen in eine Bibel geschrieben haben, der, so wird berichtet, nach der letzten Jahrhundertwende noch deutlich zu lesen gewesen sein soll. Kein Wunder also, dass der „rote See" in ganz Hessen und darüber hinaus im Gespräch war und die rote Färbung als Naturmerkwürdigkeit auch Gelehrte beschäftigte.

Professor Dr. Halbfaß aus Neuhaldensleben stellte 1904 Untersuchungen an. Er fing mit einem Netz im Herbst 1904 rötlich schimmernde kleine Tierchen, die durch ihr massenhaftes Auftreten das Wasser blutrot färben könnten. Weil sich aber die Farbe nur im Herbst und Winter zeigte, vermutete er, dass die mikroskopisch kleinen Lebewesen, Daphnien genannt, wegen des größeren Lichtbedürfnisses im Herbst und Winter sich der Wasseroberfläche näherten und dann bei plötzlich eintretendem stärkeren Frost verendeten. Ihre Masse führe zur Rotfärbung. In der helleren Jahreszeit – Frühling oder Sommer – lebten die Daphnien in größerer Tiefe, da ausreichende Lichtstrahlen zu ihnen gelangen könnten.

 Auch in dem sehr strengen Winter 1929, als der See eine 60 cm dicke Eisdecke trug, entdeckte man an der Ostseite eine etwa 10 qm große Fläche im Eise, die völlig rot war. Diese war nach einigen Tagen wieder verschwunden.

 Vor rund 60 Jahren gab es aber noch eine andere Version für die Rotfärbung. Danach brachte man die Farbänderung des Denser Sees mit dem „roten See" bei Großalmerode in Verbindung, wo die Rotfärbung nach anhaltendem Regenwetter zu verzeichnen war, zurückzuführen auf das Vorkommen von Diatomeen, sogenannte Kieselalgen, die mit der Kohlensäureausströmung der unterirdischen Seequellen nach oben getrieben werden.

 Angesichts der jahreszeitlichen Erscheinung am Denser See – Herbst oder Winter – dürfte die Analyse von 1904 durch Prof. Halbmaß wohl doch die zutreffendste Aussage sein.

Dass in früheren Zeiten das Baden im See in der Gemeinde Dens regelrecht verpönt war, hat möglicherweise an der vorurteilsvollen Einstellung der Bewohner gelegen, die diesem Gewässer allerlei gefahren für den Menschen andichteten und das Wasser für schädlich hielten. Doch dem aktiven Wirken des 1912 gegründeten Turnvereins Dens sowie den in den 20er und 30er Jahren tätigen Lehrkräften der örtlichen Schule ist es zuzuschreiben, dass sich im Denken der Menschen eine Änderung vollzog, zumal eine Analyse des Seewassers durch das städtische Untersuchungsamt Kassel vor rund 60 Jahren eine gute Eignung zum Baden ergab sowie damals ein Nentershäuser Arzt dem Denser Seewasser sogar eine bestimmte Heilkraft zuschrieb.

1926 hieß es in der örtlichen Chronik: „Obwohl die Denser Jugend an ihrem See groß wird, konnte nicht ein Schuljunge schwimmen." Doch das sollte anders werden. Ja geradezu sprunghaft setzte danach eine Aufwärtsentwicklung ein, bewirkt durch den engagierten Einsatz von Schulmeister Höhre und die tatkräftige Arbeit des Turnvereins Ende der 20er Jahre.


Aus: "Unsere Heimat einst und jetzt (756)

Nachdem im Jahre 1928 der Schwimmbetrieb am Denser See starken Auftrieb erfuhr, die ersten Anlagen am Rande des Gewässers entstanden und das Seefest geboren war, stellte sich Ende 1929 und zunehmend stärker werdend ein neues Problem ein: das Sinken des Wasserspiegels. In der Öffentlichkeit und auch in mehreren Veröffentlichungen tauchten Behauptungen auf, dass die Grube Münden im benachbarten Nentershausen den See bedrohe. Die dort im Gang befindliche Sümpfung (Entwässerung) ziehe auch Wasser aus dem See ab. Da das Gewässer, das unter Naturschutz steht, nicht beseitigt werden darf, war auch das Landratsamt in Rotenburg an der Entwicklung stark interessiert.

 

Die Grube Münden hatte Ende 1929 erneut mit ihrem Tiefbau begonnen und die untersten Grubenstollen, die seit 1917 unter Wasser standen, wieder ausgepumpt. Daher lag die Vermutung nahe, dass der See, der seit dieser Zeit dauernd fiel, in irgendeine Verbindung mit dem Bergwerk stehe und das Wasser dorthin abfließe.

 

Zu den verschiedenen Alarmrufen, die sich auf die angebliche Gefährdung des Denser Sees durch die Grubenbetriebe bezogen, veröffentlichte die Grubenleitung, die auch Sachverständige eingeschaltet hatte, Anfang 1930 eine Erklärung, in der es u. a. hieß: „Von 1914 bis 1917 hatten die unter der Talsohle gelegenenen Grubenbaue der Grube Münden die gleiche Ausdehnung, wie heute nach der Sümpfung (Entwässerung) dieses in Folge einer Störung im Pumpbetrieb Mitte 1917 ersoffenen Grubenteiles. Die damals zusitzenden Grubenwasser waren durchaus normal und ließen keineswegs den Gedanken zu, dass man mit größeren unterirdischen Wasserläufen in Verbindung steht".

 

Die heute zufließende Wassermenge, so die Grubenleitung u. a. weiter in ihrer Erklärung, sei gleich der damaligen. Was man heute beobachtet, hätte man schon 1917 festgestellt haben müssen. Wenn der Wasserspiegel des Sees heute im Gegensatz zum Vorjahr einen Meter niedriger stehe, so genüge die Niederschlagsarmut wohl hinreichend als Grund, ohne sich auf falsche Spuren verlieren zu müssen. Das Sinken des Wasserinhaltes habe auch die Pfähle zu Tage gebracht, die in früheren Jahren zum Waschen des Flachses eingeschlagen worden seien. Der See werde  vermutlich durch aus größerer Tiefe unter starkem Druck aufquellender Wasser gespeist.

 

„Die geologischen Verhältnisse unserer Gegend berechtigen nicht zu der Annahme, dass bei weiterem Ausfahren der Grubenstrecken dieses Quellwasser in die Grube einbrechen werde. Diese Frage ist nicht nur vom Gesichtspunkt des Badebetriebes am See von Bedeutung, sondern auch weil durch einen mehr oder weniger plötzlichen Wassereinbruch der gesamte Tiefbau gefährdet würde.

 

Die schwerspatführende Gangspalte verlaufe in Ost-Westrichtung, der Abstand vom See betrage fast 14oo m gegen Norden. Aufgrund der Bodenstruktur könne man hoffen, dass mit dem Betrieb der Grube weder öffentliche Interessen geschädigt werden, noch der Grube selbst Kosten oder Betriebsgefahren aus der Nachbarschaft entstehen.

 

In dem Fachgutachten wird auch auf die Höhendifferenz zwischen der Oberfläche des Sees und der tiefsten Grubensohle, die 130 Meter beträgt, verwiesen und daraus gefolgert: „Es wäre verwunderlich, wenn eine etwa vorhandene Wasserverbindung bei diesem Niveauunterschied sich nicht eindrucksvoller und augenfälliger bemerkbar gemacht hätte". Zusammenfassend stellt die Betriebsleitung fest: „Im übrigen stellt der Betrieb der Grube Münden einen großen volkswirtschaftlichen Wert für die ganze Gegend dar. In normalen Zeiten beschäftigt er bis zu 100 Mann. An ihrer Lebensdauer sind die Mühlen in Sontra mit noch größerer Arbeiterzahl, zahlreicher Handwerker und Kaufleute interessiert. In wenigen Jahren wäre die Grube erschöpft gewesen, wenn sich das Unternehmen nicht trotz des eigenen großen Risikos zur Wiederaufnahme des Tiefbaus entschlossen hätte.

 

Im Laufe der folgenden Jahre kam das Absinken des Sees zum Stillstand, ja das Gewässer erreichte bald wieder den normalen Stand. So waren alle vorerst zufrieden. Der öffentliche „Schlagabtausch" mit der Grubenleitung jenseits des Berges war bald nur noch eine geschichtliche Episode.